Fender Thomann Klage: Was der Stratocaster-Streit für Gitarristen und kleine Hersteller bedeutet
Stand: Anfang Juli 2026 – wir aktualisieren diesen Artikel, sobald es Neuigkeiten im Verfahren gibt.
Es ist der Rechtsstreit, über den gerade die gesamte Gitarrenwelt spricht: Fender mahnt seit Mai 2026 Hersteller und Händler von S-Style-Gitarren ab – und Thomann, der größte Musikalienhändler der Welt, hat am 22. Juni 2026 als erstes Unternehmen Klage gegen Fender eingereicht. Im Kern geht es um eine Frage, die weit über die beiden Konzerne hinausreicht: Gehört die Stratocaster-Korpusform Fender – oder ist sie längst Allgemeingut der Gitarrenkultur?

Als kleine deutsche Gitarrenmanufaktur, die selbst T-Style- und S-Style-Gitarren baut, verfolgen wir bei MagTone diesen Streit naturgemäß sehr genau. In diesem Artikel fassen wir zusammen, was bisher passiert ist, welche Argumente beide Seiten vorbringen – und was der Ausgang für Gitarristen und für kleine Hersteller bedeuten könnte.
Hinweis: Dieser Artikel ist eine journalistische Einordnung aus Sicht eines Gitarrenbauers, keine Rechtsberatung.
Die Chronologie: Wie es zur Fender-Thomann-Klage kam
Der Konflikt hat sich über mehrere Monate aufgebaut:
März 2026: Fender gibt per Pressemitteilung bekannt, einen Rechtsstreit gegen die chinesische Handelsfirma Yiwu Philharmonic Musical Instruments gewonnen zu haben, die Strat-ähnliche Gitarren über AliExpress vertrieben hatte. Für sich genommen ein nachvollziehbarer Schritt gegen Billigst-Kopien – doch das Urteil wurde zur Grundlage für alles Weitere.
Mai 2026: Auf Basis dieses Urteils beginnt Fender, über die Kanzlei Bird & Bird Abmahnungen an zahlreiche Hersteller, Vertriebe und Händler von S-Style-Gitarren in Europa und den USA zu verschicken. Betroffen sind nicht nur No-Name-Importeure, sondern namhafte Firmen wie LSL Instruments, PRS Guitars und die Thomann-Eigenmarke Harley Benton. Die Forderungen haben es in sich: Sie reichen von der Einstellung der Produktion über die Herausgabe von Kundendaten bis zum Rückruf bereits verkaufter Instrumente.
Juni 2026: In der Gitarren-Community formiert sich Widerstand. Mehrere bekannte YouTuber und Branchenstimmen kritisieren das Vorgehen öffentlich, einige beenden sogar ihre Zusammenarbeit mit Fender. Fender-CEO Edward „Bud" Cole äußert sich Mitte Juni erstmals öffentlich und betont, Fender verklage niemanden, sondern habe sich lediglich an eine Handvoll Unternehmen gewandt, deren Gitarren dem Stratocaster-Design extrem nahe kämen. Doppel-Cutaway-Gitarren, die klar genug vom Original abweichen, seien kein Thema.
22. Juni 2026: Thomann reicht Klage gegen Fender ein – als erstes betroffenes Unternehmen überhaupt. Das Musikhaus aus dem fränkischen Treppendorf will die Urheberrechtsfrage in einem ordentlichen Gerichtsverfahren klären lassen, in dem beide Seiten ihre Argumente vorbringen müssen. CEO Hans Thomann begründet den Schritt mit der Verantwortung gegenüber der gesamten Branche: Viele der betroffenen kleineren Firmen hätten schlicht nicht die finanziellen Mittel, einen solchen Rechtsstreit zu führen.
Worum geht es rechtlich beim Stratocaster-Streit?
Die zentrale Frage lautet: Genießt die 1954 vorgestellte Korpusform der Fender Stratocaster heute noch urheberrechtlichen Schutz?
Thomanns juristisches Kernargument: Die Stratocaster-Form ist keine rein ästhetische Entscheidung, sondern folgt funktionalen Überlegungen. Das obere Horn sorgt für Balance am Gurt, die beiden Cutaways erleichtern das Spiel in hohen Lagen, die Korpuskonturen erhöhen den Spielkomfort. Formen, die primär einer Funktion dienen, genießen in den meisten Rechtssystemen keinen oder nur eingeschränkten urheberrechtlichen Schutz – das Prinzip „Form follows Function".
Dazu kommt ein historisches Argument: In den USA, dem Herkunftsland der Stratocaster, gilt die Strat-Form seit Jahrzehnten faktisch als Public Domain. US-Gerichte haben Fenders Schutzansprüche auf die Korpusform mehrfach abgewiesen – auch deshalb, weil das Unternehmen über Jahrzehnte hinweg Kopien toleriert hatte. Praktisch jeder große Hersteller hat irgendwann S-Style-Gitarren gebaut, und Modifikationen wie Eddie Van Halens legendäre „Frankenstrat" gelten als Geburtsstunde ganzer Gitarrengattungen wie der Superstrat.
Fender hält dagegen, man wolle keine generische Zweihorn-Form schützen, sondern ausschließlich gegen Instrumente vorgehen, die das Stratocaster-Design nahezu vollständig replizieren. Die Kanzlei Bird & Bird präzisierte allerdings, dass „relativ geringfügige Designänderungen" nicht ausreichen würden – und genau diese Formulierung sorgt in der Branche für Verunsicherung: Wo genau verläuft die Grenze?

Was bedeutet der Streit für Gitarristen?
Zunächst die Entwarnung: Wer eine S-Style-Gitarre besitzt – egal von welchem Hersteller – muss sie weder abgeben noch verstecken. Der Streit wird zwischen Unternehmen ausgetragen, nicht mit Endkunden.
Mittelfristig könnte der Ausgang des Verfahrens aber sehr wohl Folgen für Käufer haben:
Weniger Auswahl im Einsteiger- und Mittelklasse-Segment: Sollte sich Fenders Position durchsetzen, müssten viele Hersteller ihre S-Style-Modelle vom Markt nehmen oder deutlich umgestalten. Gerade preisbewusste Einsteiger profitieren heute von der enormen Auswahl an günstigen S-Style-Gitarren.
Steigende Preise: Weniger Wettbewerb bei einer der beliebtesten Korpusformen der Welt dürfte sich früher oder später in den Preisen niederschlagen.
Mehr Design-Vielfalt als Nebeneffekt: Es gibt auch eine optimistische Lesart. Wenn 1:1-Kopien riskanter werden, steigt der Anreiz für Hersteller, eigenständige Designs und echte Innovationen zu entwickeln, statt zum hundertsten Mal dasselbe Rezept zu kopieren.
Was bedeutet der Streit für kleine Hersteller und Boutique-Manufakturen?
Hier liegt aus unserer Sicht die eigentliche Brisanz. Ein Konzern wie PRS oder ein Riese wie Thomann kann sich juristisch wehren. Eine kleine Manufaktur mit einer Handvoll Mitarbeiter – oder ein Ein-Personen-Betrieb – kann das in der Regel nicht. Schon eine einzige Abmahnung mit Anwaltskosten und Unterlassungsforderungen kann für einen kleinen Gitarrenbauer existenzbedrohend sein, völlig unabhängig davon, ob die Forderung am Ende berechtigt wäre.
Genau deshalb ist Thomanns Klage für die Branche so bedeutsam: Sie zwingt die Frage vor ein neutrales Gericht, statt sie über wirtschaftlichen Druck zu entscheiden. Hans Thomann hat den Schritt ausdrücklich auch mit den kleineren Betroffenen begründet, die sich einen solchen Prozess nicht leisten könnten.
Unsere Perspektive als deutsche Gitarrenmanufaktur
Wir bei MagTone Guitars bauen mit der Classic-T und der Classic-S selbst Instrumente, die sich klassischen Gitarren verpflichtet fühlen. Diese Formen sind für uns – wie für Generationen von Gitarrenbauern – eine gemeinsame Sprache der Gitarrenkultur: Sie sind ergonomisch ausgereift, spielerisch bewährt und tief im kollektiven Gedächtnis der Musikwelt verankert.
Gleichzeitig zeigt der Streit aus unserer Sicht sehr deutlich, worauf es als kleiner Hersteller wirklich ankommt: nicht auf das Kopieren, sondern auf echte Eigenständigkeit innerhalb einer klassischen Formsprache. Unser Weg ist unser magnetisches Modul-System, mit dem sich die komplette Pickup-Elektronik in Sekunden werkzeuglos und ohne Saitenwechsel tauschen lässt – eine Innovation, die es so bei keiner klassischen Tele oder Strat gibt. Die vertraute Form bleibt, aber das Instrument dahinter denkt etwas grundlegend neu.
Wir sind überzeugt: Die Zukunft des Gitarrenbaus liegt genau in dieser Kombination – bewährte, funktionale Formen respektieren und ihnen gleichzeitig eigene Ideen, eigenes Handwerk und eigene Technik hinzufügen. Handgefertigt in Deutschland, mit einem Konzept, das man so nirgendwo sonst bekommt.

Wie geht es im Verfahren weiter?
Mit der Klage vom 22. Juni 2026 verlässt der Konflikt die Ebene einseitiger Abmahnschreiben und wird zu einem Gerichtsverfahren, in dem beide Seiten ihre Argumente offiziell darlegen müssen. Einen Termin für eine Entscheidung gibt es noch nicht – solche Verfahren können sich über Monate, im Fall von Berufungen über Jahre ziehen.
Bis dahin bleiben die spannendsten offenen Fragen:
Schließen sich weitere abgemahnte Hersteller Thomanns Vorgehen an?
Zieht Fender die Abmahnwelle zurück oder verschärft es den Kurs?
Und vor allem: Wie bewertet ein Gericht die Schutzfähigkeit einer über 70 Jahre alten, weltweit millionenfach interpretierten Korpusform?
Wir behalten das Verfahren im Blick und aktualisieren diesen Artikel bei neuen Entwicklungen.
FAQ zum Fender-Thomann-Streit
Verklagt Fender Thomann?
Nein – umgekehrt: Thomann hat am 22. Juni 2026 Klage gegen Fender eingereicht, nachdem Fender zuvor Abmahnungen an Hersteller und Händler von S-Style-Gitarren verschickt hatte, darunter auch an die Thomann-Eigenmarke Harley Benton.
Darf ich meine S-Style-Gitarre noch spielen und verkaufen?
Ja. Der Streit betrifft Hersteller und Händler, nicht Privatpersonen. Für Besitzer von S-Style-Gitarren ändert sich nichts.
Sind T-Style-Gitarren (Telecaster-Form) auch betroffen?
Die aktuelle Abmahnwelle bezieht sich nach allem, was bekannt ist, auf die Stratocaster-Form. Der Ausgang des Verfahrens könnte aber Signalwirkung für andere klassische Korpusformen haben.
Warum ist das Thema für kleine Gitarrenbauer so wichtig?
Weil kleine Manufakturen sich teure Rechtsstreitigkeiten kaum leisten können. Eine gerichtliche Klärung schafft Rechtssicherheit für die gesamte Branche – in die eine oder andere Richtung.
Fazit
Der Stratocaster-Streit zwischen Fender und Thomann ist mehr als ein Duell zweier Branchengrößen. Er entscheidet mit darüber, wie viel Vielfalt, Wettbewerb und Innovationsfreiheit im Gitarrenbau künftig möglich sind – gerade für kleine Hersteller. Für uns als Manufaktur ist er zugleich eine Bestätigung des eigenen Wegs: Wer auf klassischen Formen aufbaut, sollte ihnen etwas Eigenes hinzufügen. Genau das tun wir mit jedem Instrument, das unsere Werkstatt verlässt.
Du willst sehen, wie eigenständige Innovation in klassischer Form aussieht? Dann wirf einen Blick auf unsere Classic-S und Classic-T Modelle mit innovativem Modul-System – handgefertigt in Deutschland. Oder schau dir auf unserem Youtube Kanal selbst an, wie der werkzeuglose Elektronik-Wechsel funktioniert.





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